Eine Absage mit Folgen
Auch der Kampf von Maria Winkelmann um ihre Anstellung als Hilfsastronomin ist ein eindrückliches Beispiel für die doppelten Schwierigkeiten von Wissenschaftlerinnen. Winkelmann strebte nach dem Tod ihres Ehemanns 1710 eine besoldete Beschäftigung als Kalendermacherin für die 1700 neu gegründete Berliner Akademie der Wissenschaften an. Diese Tätigkeit übte sie bereits mit ihrem Mann zehn Jahre lang erfolgreich aus, führte sie nach eigenen Angaben während seiner Erkrankung in den letzten Lebensjahren teilweise sogar alleine aus.
Rein formal wäre eine solche Anstellung durchaus möglich gewesen. Zudem befindet sich Maria Winkelmann an der Jahrhundertwende zum 18. Jahrhundert an einem günstigen Zeitpunkt: In diesem Zeitraum gründeten sich mehrere Wissenschaftsakademien gerade mit dem Anspruch eine neue Wissenschaftsinstitution zu etablieren. Hierzu zählt neben der Berliner Akademie der Wissenschaften beispielsweise auch die ebenfalls noch heute existierende Akademie der Naturforscher Leopoldina, die 1652 gegründet wurde. Die neuen Akademien drängten erfolgreich die mittelalterlichen, das heißt im Geist der Aufklärung als verkrustet und überholt geltenden, Universitäten in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung zurück. Und in Berlin gab es zu dieser Zeit beispielsweise gar keine Universität.
Die Berliner Akademie der Wissenschaften verweigert Maria Winkelmann jedoch die besoldete Anstellung als Kalendermacherin der Akademie. Damit stellt sich die Akademie in diesen frühen Gründungsjahren aktiv gegen den Einschluss von Frauen in ihre Runde und legt auch ihr Konzept als homosoziale Institution, die exklusiv Männern vorbehalten ist, auf mehrere hundert Jahre fest.
Zwischen Kunst, Handwerk und rentabler Fleißarbeit
Gehen wir nocheinmal einen Schritt zurück und fragen uns: Warum konnten Frauen überhaupt als Astronominnen tätig werden? Welche Bedingungen wirkten sich begünstigend auf ihre wissenschaftliche Tätigkeit aus? Die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger hat hierzu in ihrer Studie Schöne Geister. Frauen in den Anfängen der modernen Wissenschaften mehrere Gründe herausgearbeitet, die für eine Tätigkeit von Frauen auf diesem Feld im 17. und 18. Jahrhundert ausschlaggebend waren.
Ein wichtiger Grund lag Schiebinger demnach in dem hohen künstlerischen Anteil bei der Art der Arbeit eines Astronomen bzw. einer Astronomin. Hierunter fallen die Anfertigung genauer Skizzen des Himmels oder beispielsweise der Mondphase. Eine Betätigung als Künstlerin war im 17. und 18. Jahrhundert nicht so selten, wie eine Betätigung als Wissenschaftlerin. Zugleich war das künstlerische Arbeiten im binären Rollenverständnis der Zeit auf der Seite des weiblichen verordnet. Beide Umstände trugen dazu bei, dass Frauen in der Astronomie tätig werden konnten. Ein ästhetisch besonders eindrückliches Beispiel für den hohen künstlerischen Anteil der astronomischen Tätigkeit im 18. Jahrhundert liefern die Zeichnungen von Maria Clara Eimmart.

Ein weiterer Grund für die vermehrte Betätigung von Frauen in der Astronomie war die strukturell starke Ähnlichkeit zum Handwerk. So waren vor der zunehmenden Akademisierung und Institutionalisierung der Astronomie Teleskope und Observatorien vornehmlich in den Privathäusern der Astronomen aufgebaut, was ihren Ehefrauen und Töchtern einen einfachen und unregulierten Zugriff auf das wichtige Forschungsinstrument ermöglichte. Das Handwerk und die Zunftverordnungen eröffnete Frauen bereits ab dem Mittelalter punktuell vergrößerte Handlungsräume in wissenschaftlichen Tätigkeiten. Verwitwete Frauen im Buchdruck und Verlagshandwerk hatten beispielweise die Möglichkeit den Betrieb ihres Ehemannes auch ohne eigene Meisterprüfung bis zu ihrem eigenen Tod fortzuführen. Auf genau dieses Recht versuchte sich Maria Winkelmann als Kalendermacherin vergeblich zu berufen.
Schließlich war die Astronomie durch die Produktion von Kalendern, unter Anderem für die Landwirtschaft, von großer Bedeutung. Folglich bestand auch ein wirtschaftliches Interesse an der astronomischen Erforschung des Himmels. Im Beispiel von Maria Winkelmann stritt diese mit der Berliner Akademie der Wissenschaften vor allem um die Erlaubnis solche Kalender für die Akademie anfertigen zu dürfen. Ihre Tochter Christine Kirch verdiente dann mit der Kalenderproduktion hingegen erfolgreich ihren Lebensunterhalt. Die Kalender bildeten jedoch nur bis in die 1740er Jahre die wissenschaftliche Speerspitze, danach nahmen ihre wissenschaftliche Bedeutung stark ab. Ein Umstand, der Christine Kirch wahrscheinlich gleichermaßen zum Vor- und Nachteil war.
Was bleibt?
Es gab eine ganze Gruppe von Frauen, die im 17. und 18. Jahrhundert als Astronominnen tätig waren. Unterschiedlichste Umstände führten zu ihren wissenschaftlichen Betätigungen. Der Draufblick und vor allem der Blick auf die männliche „Vergleichsgruppe“ zeigt jedoch: Frauen waren nur selten als anerkannte und bezahlte Wissenschaftlerinnen tätig, der Zugang zu Wissen und Instrumenten hing von zufälligen äußeren Umstände ab und ihr Kampf um Anerkennung wurde meist abgeschmettert. Gesichert ist, dass seit der Gründung der ersten Universitäten im 14. Jahrhundert an der Geschlechterdifferenz hinweg eine Grenze gezogen wurde, die zu institutionellen Ausschlüssen von Frauen aus der universitären und höheren Bildung führte. Erst durch die Frauenrechtsbewegung des 19. Jahrhunderts, die vor allem auch eine Frauenbildungsbewegung war, ändert sich das langsam.
Auf dem Beitragsbild sehen wir noch einmal Caroline Herschel – dieses mal im hohen Alter. Den Anstoß für diesen Blogbeitrag gab übrigens ein Spaziergang in der Hannoveraner Südstadt. Dort stieß ich auf dem in der Südstadt liegenden Gartenfriedhof zufällig auf ihr Grab. Die Gravur ihres Grabsteins ist ein schönes Zeugnis dafür, wie ihre Arbeit zeitgenössisch wahrgenommen und gewürdigt wurde. Die umfangreiche Inschrift auf dem Grabstein lautet: „Hier ruhet die irdische Hülle von Caroline Herschel geb. zu Hannover den 16. März 1750 gestorben den 9. Januar 1848. Der Blick der Verklärten war hienieden dem gestirnten Himmel zugewandt, die eigenen Cometen Entdeckungen und die Theilnahme an den unsterblichen Arbeiten ihres Bruders, Wilhelm Herschel, zeugen davon bis in die späte Nachwelt. Die Königliche Irländische Akademie zu Dublin und die Königliche Astronomische Gesellschaft in London zählten sie zu ihren Mitgliedern. In dem Alter von 97 Jahren 9 Monaten 24 Tagen entschlief sie mit heiterer Ruhe und bei völliger Geisteskraft, ihrem zu einem bessern Leben vorangegangenen Vater, Isaac Herschel, folgend, der ein Lebensalter von 60 Jahren 2 Monaten und 17 Tagen erreichte und seit dem 25. März 1767 hieneben begraben liegt.“

Nachweise und Hinweise
Beitragsbild:
Bild im Text:
Quellen:
- Schiebinger, Londa: Schöne Geister. Frauen in den Anfängen der modernen Wissenschaft. Stuttgart: Klett Cotta, 1993.
Zum weiterlesen:
- Kerne, Charlotte (Hrsg.): Sternenflug und Sonnenfeuer. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg, 2004.
Zum weiterhören:
