Die junge Frau, die an einem Schreibtisch sitzt, wirkt müde. Fokussiert und zugleich leer ist ihr Blick. Trotzdem sind ihre Augen fest auf den Tisch vor sich geheftet. Mit ihrer linken Hand hält sie das Ende eines großen Teleskopes. Auf ihrem Tisch liegen Bücher, ein Tintenfass mit Federkiel und eine angezündete Kerze. Im Hintergrund stehen ein Globus, eingerollte Karten und weitere Messinstrumente herum. Wahrscheinlich ist es nachts oder zumindest spät abends. Die dunklen Schatten unter den Augen der Frau und ihre angestrengte Haltung verweisen darauf, dass dies vermutlich nicht ihre erste nächtliche Arbeitsrunde ist. Wahrscheinlich schon seit Tagen beobachtet die Frau den Nachthimmel und macht sich dazu genaue Aufzeichnungen. Der Untertitel des Kupferstiches kommentiert nur trocken: „Study And Work“.
Verschlungene Wege zum Wissen
Frauen und Astronomie – sind das zwei Welten die in der Frühen Neuzeit zusammen gehört haben? Erste Hinweise legen den Verdacht nahe, dass zumindest ein Unterricht in Astronomie für Frauen im 18. Jahrhundert keine so große Ausnahme war, wie man es auf den ersten Gedanken vermuten könnte. So wurde beispielsweise 1775 in selbstverständlicher Manier in der Halleschen Frauenzeitschrift Die Akademie der Grazien (übrigens Namensgeberin dieses Blogs), ein langer Artikel abgedruckt. Unter dem Titel Gespräch über die Sterne wurde der weiblichen Leserschaft hier umfassendes Wissen über die Planeten und Sterne – wir können hier also auch von astronomischem Wissen sprechen – vermittelt. Natürlich hatten nicht alle Frauen der Frühen Neuzeit einen Zugang zu einer solchen Zeitschrift und damit auch dem darin enthaltenden Wissen hatten. Denn der Bildungszugang von Frauen war in dieser Zeit in hohem Maße von den persönlichen Lebensumständen abhängig. Darunter zählen vor allem individuelle Gründe wie die finanziellen Mittel der Familie und die Gunst der nächsten männlichen Familienangehörigen. Aber auch die Standeszugehörigkeit, das gesellschaftlich-ordnende Prinzip in der Frühen Neuzeit, reglementierte den Zugang von Frauen zum Wissen stark. Nur Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten, wie dem Bürgertum oder dem Adel hatten Zugang zu Quellen wie Büchern oder Zeitschriften und damit zu einer Bildung, die auch astronomisches Wissen vermittelte.
Selten, aber keine Einzelfälle
Dabei gab es nicht nur Frauen die in der Astronomie unterrichtet wurden, sondern auch jene, die selbst die Sterne und den Nachthimmel erforschten, astronomische Berechnungen anstellten und Teil dieser „scientific community“ (Gemeinschaft von Wissenschaftler*innen) waren. Bereits im 17. Jahrhundert gab es Astronominnen, die sich ab den 1650er Jahren als Forscherinnen betätigten. Zu ihnen zählen Maria Cunitz (1610-1664), Elisabetha Hevelius (1647-1693) und Maria Clara Eimmart (1676-1707). Auch im 18. Jahrhundert setzt sich diese Reihe mit Maria Winkelmann (1670-1720) und ihren Töchtern Margaretha Kirch (1703-1744) und Christine Kirch (1697-1782) fort.
Eine Astronomin, die dann vor allem im 18. und 19. Jahrhundert als Wissenschaftlerin tätig war, ist Caroline Herschel (1750-1848). Die Abbildung oben zeigt Caroline Herschel bei der nächtlichen Arbeit. Herschel ist heute die bekannteste deutsche Astronomin der Frühen Neuzeit. Geboren und gestorben in Hannover verbrachte sie ihre Hauptwirkzeit im englischen Bath, wo sie von 1772 bis 1822 ein halbes Jahrhundert lang an der Seite ihres Bruders Wilhelm Herschel (1738-1822) als Astronomin arbeitete. In ihrem ehemaligen Wohnhaus befindet sich mittlerweile das Herschel Museum of Astronomy, welches sich auch in besonderer Weise der Erinnerung an Caroline Herschel widmet.
Ungewöhnliche Anerkennung
Die wissenschaftliche Karriere von Caroline Herschel stellt im Kontrast zu den zuvor genannten Astronominnen eine Besonderheit dar: Bereits zu ihren Lebzeiten wurden ihre Leistungen für die Astronomie auch monetär gewürdigt und von hohen wissenschaftlichen Institutionen durch Auszeichnungen anerkannt. Nach der Entdeckung des Uranus 1781 durch ihren Bruder wurde dieser von König Georg III. zum königlichen Hofastronom ernannt – eine herausgehobene Position, die es ihm ermöglichte seine Schwester ab 1787 offiziell als seine Assistentin mit einem jährlichen Gehalt von 50 Pfund anzustellen. Mit der festen und entlohnten Anstellung war Caroline Herschel auch einigen ihrer männlichen Kollegen einiges voraus und in der Reihe der Astronominnen eine Besonderheit.
Denn an dieser Stelle sollte auch daran erinnert werden, dass männliche Wissenschaftler in dieser Zeit, trotz des Zugangs zu einer höheren akademischen Ausbildung, in großen Teilen unter prekären Bedingungen gearbeitet haben. Oft waren sie auf die persönliche Gunst von adeligen Regenten oder wirtschaftlich gut gestellten Gönnern angewiesen. Ihre Karrierewege waren häufig ungewiss, manche Wissenschaftler waren daher nur wenige Jahre auf ihren Gebieten tätig und widmeten sich dann wieder einer ökonomisch sichereren Tätigkeit. Teilweise warteten sie jahrzehntelang auf eine feste Anstellung als Professoren oder sie übten ihre wissenschaftliche Tätigkeit immer nur in ihrer Freizeit, neben ihren gesicherten Anstellungen als Bibliothekare, Verwalter oder Beamte, aus.
Die bereits für männliche Wissenschaftler schwierigen Bedingungen und Zugänge verdoppelten sich für ihre weiblichen Kolleginnen. Lies direkt in Teil 2 dieses Blogbeitrags weiter, wie Maria Winkelmann daher um Anerkennung für ihre Arbeit gekämpft hat.
Nachweise und Hinweise
Beitragsbild:
- Lucas Balfour, Clara: Women worth Emulating. New York: American Tract Society, 1877, S. 33. Online einsehbar.
Quellen:
- Schiebinger, Londa: Schöne Geister. Frauen in den Anfängen der modernen Wissenschaft. Stuttgart: Klett Cotta, 1993.
Zum weiterlesen:
- Kerne, Charlotte (Hrsg.): Sternenflug und Sonnenfeuer. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg, 2004.
Zum weiterhören:
