Oder: Was ist eine Akademie der Grazien?
Der Name dieses Blogs geht zurück auf eine Hallesche Zeitschrift für Frauen, die von 1774 bis 1780 im Verlag Gebauer in der Saalestadt herausgegeben wurde. Welche Ziele diese Zeitschrift verfolgte, welches Wissen sie ihrem Lesepublikum anbot und warum sich ein genauerer Blick über die Einleitung hinweg lohnt, diese Fragen möchte ich in einem längeren Blogbeitrag nachgehen. Der nachstehende erste Teil wird sich dabei vor allem mit der Vorgeschichte der ersten Ausgabe beschäftigen. Am Ende werde ich zudem einen ersten kurzen Einblick in das Programm der Akademie der Grazien geben.
Ungefähr 1770 oder 1771 trat der Hallesche Professor Christian Gottfried Schütz auf den Verleger Johann Jacob Gebauer zu und unterbreitete ihm den Plan eine Frauenzeitschrift herausgeben zu wollen. Schütz war auf der Suche nach einem geeigneten Buchdrucker und Verleger, welcher seine Texte setzte, auf Papierbögen druckte, per Post versandte und als gebundene Exemplare in Halle vertrieb.
Der 1734 gegründete Verlag Gebauer war nicht nur in Halle bekannt sondern im gesamten preußischen Staat sowie über dessen Staatsgrenzen hinaus. Schütz hatte bisher noch keines seiner Werke bei Gebauer verlegen lassen. Dass der Verleger von der Herausgabe einer „neuen Wochenschrift für das Frauenzimmer“ in seinem Verlag angetan war, darauf lässt der zweite Brief von Schütz an Gebauer schließen. In diesem schreibt Schütz: „Daß Ihnen mein Vorschlag gefällt, ist mir sehr angenehm“.

Brief von Christian Gottfried Schütz an Johann Jacob Gebauer,
Gebauer & Schwetschke Verlagsarchiv, A 6.2.6 Nr. 35422. Undatiert, ungefähr 1770-1773.
Im Jahr 1774 erschien dann die erste Ausgabe der Zeitschrift die Akademie der Grazien: eine Wochenschrift zur Unterhaltung des schönen Geschlechts. Die Akademie der Grazien war nicht die erste Zeitschrift die in Halle herausgegeben wurde und sich explizit an ein weibliches Lesepublikum richtete. Bereits 1725 wurde in Halle die Zeitschrift Die Vernünftigen Tadlerinnen von dem Leipziger Johann Christoph Gottsched herausgegeben. Sie richtete sich in ihrem Titel, ihrem Vorwort und einigen Beiträgen direkt an ein weibliches Lesepublikum und thematisierte an mehreren Stellen die weibliche Bildungsfähigkeit. Bereits nach einem Jahr wurde sie von der Zensur in Halle jedoch verboten und erschien dann in Gottscheds Wohnort Leipzig, welches im sächsischen Nachbarland lag. Ende 1726, nach zwei Jahrgängen, wurde die Zeitschrift dann auch dort wieder eingestellt.
Die Vernünftigen Tadlerinnen sind anhand ihrer Ausrichtung auf ein weibliches Lesepublikum dem Genre der Frauenzeitschriften zuzurechnen. Inhaltlich sind sie jedoch den sogenannten Moralischen Wochenschriften zuzurechnen. Dieses Zeitschriftengenre waren im deutschsprachigen Raum ab den 1710er Jahren sehr populär. Den Ursprung nahm das Genre in England mit Zeitschriften wie dem Spectator oder dem Tatler. Die Moralischen Wochenschriften hatten als primäres Ziel – wie der Name bereits anklingen lässt – die moralische Verbesserung ihrer Leser*innen.

Mit ihrem Erscheinungszeitraum von 1774–1780 und ihrem anderen inhaltlichen Schwerpunkt ist die Akademie der Grazien hingegen den literarischen Frauenzeitschriften zuzurechnen. Dieses Zeitschriftengenre erfreute sich besonders ab den 1770er Jahren großer Beliebtheit. Ebenso wie zuvor bereits die Moralischen Wochenschriften Teil eines internationalen Trends waren, ist auch die Akademie der Grazien in einen größeren Kontext eingebettet: Frauen wurden ab 1770 vom Buchmarkt als neue Zielgruppe „entdeckt“ und sollten durch speziell an sie gerichtete Zeitschriften als Leserinnen gewonnen werden (das dieser Trend nicht nur positiv zu bewerten ist, wird an einer anderen Stelle auf diesem Blog noch einmal aufgegriffen).
Die direkte Ansprache weiblicher Leser übernahmen die Frauenzeitschriften von den Moralischen Wochenschriften an, der wichtige Überschneidungspunkt zwischen den Vernünftigen Tadlerinnen und der Akademie der Grazien. Inhaltlich setzte letztere jedoch einen anderen Fokus in dem sie vor allem aktuelle belletristische Bücher vorstellten und ihre Leserinnen mit einem bunten Programm geistreich unterhalten wollten.
Im Kontext dieses größeren Trends von literarischen Frauenzeitschriften nimmt die Akademie der Grazien eine besondere Position ein. Zum einen war sie geographisch wesentlich weiter verbreitet als andere Frauenzeitschrift dieser Zeit. Ablesen können wir das heute unter Anderem daran, dass sie immer noch in 55 verschiedenen Bibliotheken in physischer Form exitstiert, so zum Beispiel in Bremen, Erfurt, Frankfurt am Main, Halle (Saale), Rostock, Washington DC und Wuppertal. Bei anderen, weniger populären Zeitschriften sind hingegen aufgrund der geringeren Verbreitung meist nur noch sehr wenige Ausgaben bis in unsere Gegenwart überliefert.
Des Weiteren zeugt die Dauer ihrer Existenz davon, dass sie im Gegensatz zu anderen Frauenzeitschrift nicht in eine finanzielle Notlage geriet und einige Jahre lang ein ökonomisch lukratives Produkt auf dem stark umkämpften Pressemarkts des 18. Jahrhunderts war. Viele Zeitschriften erschienen nur ein bis zwei Jahre , die Akademie der Grazien hingegen wurde von 1774–1776 wöchentlich herausgegeben, 1780 folgte dann noch ein „Nachzügler-Band“. Insgesamt erschienen also fünf Bände die ein Gesamtvolumen von 2.040 Seiten.
Dem ersten Band ist dabei ein Vorwort des Herausgebers Christian Gottfried Schütz vorangestellt, in welchem er die pädagogischen Ziele der Zeitschrift und die zu lesenden Inhalte vorstellt. Diese programmatischen Einführungstexte in das Gesamtvorhaben der Zeitschrift war weit verbreitet im 18. Jahrhundert und lässt sich in fast jeder Zeitschrift in der ersten Ausgabe finden. Mit diesem Text sollten Leser*innen als Subskriptent*innen (ähnlich wie Abonent*innen heute) gewonnen werden und das Zeitschriftenprojekt damit eine langfristige und stabile wirtschaftliche Grundlage erhalten.
Was Schütz in diesem Vorwort für seine Zeitschrift ankündigt, wie er sich die ideale Leserin der Akademie der Grazien vorstellt und in welchem zeitlichen Kontext seine Überlegungen stehen, darum soll es im zweiten Teil dieses Blogbeitrags gehen.


